Autofrei im Alltag – Interview mit Papa Langsam

Autofrei im Alltag – Interview mit Papa Langsam

21. August 2020 0 Von mamalangsam

Endlich meldet sich nun auch mal Papa Langsam zu Wort! Ich habe ihm ein paar Fragen dazu gestellt, wie wir mittlerweile auf Autofahrten im Alltag verzichten können:

Seit wann leben wir als Familie ohne Auto?

Papa Langsam: Erstmal sollten wir definieren, was „Autofrei leben“ eigentlich bedeutet. Unsere heutige Gesellschaft kommt nicht ohne Autos aus. Feuerwehrautos, Polizeiautos, Rettungswagen, LKWs zum Transport von Gütern oder Baumaterialien. Auf all das können bzw. wollen wir nicht vollständig verzichten. Es geht also um das eigene Auto. Nun ist es so, dass es weltweit schon eine große Menge von produzierten Autos gibt, deren Verschrottung nur einen marginalen ökologischen Mehrwert bietet. Also besitzen wir weiterhin unseren Gebrauchtwagen, aber fahren ihnen deutlich unter 500 Kilometer pro Jahr. Diese Definition wollen wir hier als „autofrei leben“ nehmen und das machen wir seit ca. 3 Jahren.

Warum haben wir uns dazu entschieden, auf Autofahrten im Alltag zu verzichten?

Papa Langsam: Moderne Mobilität hat die Eigenschaft, dass sie unsere natürliche Aufnahmekapazität vielfach überfordert. Wir planen zu viele Termine und verschwenden zu viel Zeit in der Fortbewegung von A nach B, ohne daraus einen Mehrwert zu ziehen. Fahrradfahren bietet die Möglichkeit sich körperlich zu betätigen und die Natur um sich herum zu erleben. Im ÖPNV ist die Zeit häufig nicht verloren und man kann andere Dinge erledigen wie Zeitung lesen oder schon auf die Arbeit vorbereiten. Außerdem bekommt man auch Kontakt zu Menschen außerhalb der eigenen Blase, das sonst in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung eine zunehmendes Problem darstellt. Und nicht zuletzt: Unser Mobilitätsbedürfnis ist eine Art Luxus, dass sich nicht auf jeden Bewohner der Welt übertragen lässt. Die Auswirkungen auf unser aller Leben wären katastrophal, wenn jeder Mensch auf dieser Welt eine Mobilität wie Menschen aus dem „globalen Norden“ ausüben würden.

Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ Matthäus 7,31, Die Bibel

Warum besitzen wir noch ein Auto?

Papa Langsam: Der Weiterverkauf oder die Verschrottung haben bestenfalls eine zweifelhafte Ökobilanz. In einer Marktwirtschaft fällt der Preis, je größer das Angebot ist. Mobilität sollte aber einen angemessenen Preis haben. Ein nicht kleiner Teil der ökologischen Ressourcen ist schon bei der Herstellung in das Auto geflossen. Eventuell kann eine Verschrottung sogar wieder neue Rohstoffe freigeben, die dann ressourcenintensiv weitergenutzt werden. In der Folge sehen wir hier die „Nichtnutzung“ und den „verweigerten Neukauf“ als wichtiger als den Totalverzicht.

Wie machen wir das mit dem Einkaufen für 5 Personen?

Mama Langsam: Viele Jahre haben wir einmal in der Woche einen Lieferservice verwendet. Seit wir ein Lastenrad haben, wird damit eingekauft oder eben zu Fuß.

Wie bewertest du das Bus- und Bahnfahren? Was ist gut, was sollte verbessert werden?

Papa Langsam: Corona hat hier die Spielregeln zumindest vorübergehend geändert. Generell ist es so, dass aktuell nur ein Bruchteil an Wegekilometern und Geld in den Ausbau des Schienennetzes gesteckt wird. Der überwiegende Teil wird also nach wie vor in den Ausbau von Straßen (wie Autobahnen) gesteckt. Schienenstrecken sollten reaktiviert und ausgebaut werden. Straßenverkehrinfrastruktur dürfte nur noch saniert und müsste teilweise zurückbebaut oder für Radverkehr umgewidmet werden. Schieneninfrastruktur sollte Priorität vor Straßeninfrastruktur haben.

Welche Fahrräder nutzen wir als Familie und wie transportieren wir da die Kinder?

Papa Langsam: Seit einigen Jahren gibt es gute E-Bikes, Kinderanhänger, Kindernachläufer, Lastenräder und Tandems, sodass es auch bei größeren Familien kein wirkliches Problem mehr darstellt, Kinder auch in hügeligen Landschaften zu transportieren. Diese Fortbewegungsmittel haben ihren Preis, aber Autos kosten mit Anschaffung, Betriebs- und Wartungskosten in der Regel mehr.

Wie fühlst du dich als Fahrradfahrer im Straßenverkehr? Was sollte verbessert werden?

Papa Langsam: Eine sehr gute Änderung war die Straßenverkehrsordnung 2020, die Radfahrer zunehmend als Verkehrsteilnehmer respektiert. (Fahrradstraße, Freigabe von Einbahnstraße, etc. …) Generell sollten dann aber auch mehr Polizeikontrollen stattfinden und auch in ländlicheren Gegenden Polizei auf dem Fahrrad auf Streife gehen müssen. Insgesamt sollten mehr Menschen verstehen, wie es sich praktisch anfühlt, das Fahrrad als primäres Verkehrsmittel einzusetzen, in der Hoffnung, dass dann auch mehr Rücksicht aufeinander genommen wird.